Ein Symbol für Weltoffenheit, Toleranz und ökumenisches Miteinander
Festgottesdienst und Festakt zum 60-jährigen Jubiläum der Marienkapelle
Tairnbach – rka – Seit nunmehr 60 Jahren gibt es die Marienkapelle in Tairnbach. Sie wurde am 26. November 1956 vom damaligen Dekan Stäckler feierlich geweiht. Initiator für den Bau der kleinen Kirche für die Katholiken Tairnbachs war Pfarrer Rudolf Kurz, später Geistlicher Rat und Ehrenbürger der Gemeinde Mühlhausen. Mit einem Festgottesdienst, zelebriert von Pfarrer Dr. Thomas Stolle, unter Assistenz von Pfarrer im Ruhestand, Josef Roth, und einem Festakt und einer Begegnung in der Sporthalle der SG Tairnbach beging man dieses Jubiläum. Begleitet von einem Streichertrio und der Orgel sang der Kirchenchor St. Cäcilia unter der Leitung von Martin Ritz die „Missa laetatus sum“ des zeitgenössischen Komponisten Wolfram Menschick, eine Messe, die bewusst dem Stil des 18. Jahrhunderts nachempfunden ist. Der Name geht zurück auf den Psalm 122: „Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern“. Chor und Instrumentalgruppe brachten den festlichen Charakter dieser Messe mit Freude und einer feinsinnigen Gestaltung zum Ausdruck.
In einer zum Nachdenken anregenden Predigt konfrontierte Pfarrer Dr. Thomas Stolle zu Beginn seine Zuhörer mit der dreimaligen Frage: „Lieben Sie diese Kirche?“ Sicher bejahe man diese Frage mehrheitlich. Man sei ja stolz auf diesen 60-jährigen Kirchenbau. Doch die Frage ziele in eine andere Richtung, nämlich auf das Geschehen, das man in diesen Mauern feiere, wenn sich die Gemeinde zur Liturgie und zum persönlichen Gebet versammelt. Mit dieser Blickrichtung aber erhalte die Eingangsfrage eine neue Dimension. Trotzdem werde eine ganze Reihe von Gläubigen diese Frage bejahen, weil man ja aus der Mitfeier der Gottesdienste und dem Leben in der Pfarrei viel Kraft für das eigene Leben spüre. Doch von Liebe zur Kirche könne bei vielen Menschen deshalb nicht die Rede sein, weil ihre Erwartungen nicht erfüllt werden, weil sie ihre Kirche eher als „Spaßbremse erfahren, die zu einem Leben mit angezogener Handbremse rät“. Eine dritte Gruppe, so Pfarrer Stolle, beantworte diese Frage mit einem uneingeschränkten „Nein“ mit dem Zusatz, die Kirche müsse zeitgemäßer sein. Gewiss müsse die Kirche Hilfen geben auf die Fragen und Herausforderungen des Lebens. „Glaube und Verkündigung dürfen nicht an den Menschen und ihren Anliegen vorbeigehen“, so der Prediger. Doch in erster Linie müsse die Kirche für Christus gehen und nicht für den „Mainstream“.
Die Kirche sei eben keine „geistliche Apotheke“, in der man für ein entsprechendes gesundheitliches Problem ein entsprechendes Mittel zur Lösung bekommt. „Jesus hat die Kirche nicht als „geistlich-göttlichen Kneipp-Verein gegründet, der fürs Leben fit machen soll“, so Pfarrer Stolle. Die Kirche sei auch „kein Nutzfahrzeug für die Reise durch dieses Leben“. Kirche gleiche eher einem Garten und der Tätigkeit eines Gärtners. Da gehe es um Säen und Pflanzen, um Hegen und Pflegen, ehe die Frucht wächst und geerntet werden kann. Jedenfalls betrachte Gott die Kirche als Garten, in dem sein Leben blühen soll, denn Gott wolle den Menschen aus seiner Vereinsamung und Verlorenheit herausholen, um ihn teilhaben zu lassen an seiner Lebensfülle. Das Menschsein und jede menschliche Beziehung erfülle sich erst in der Beziehung und Gemeinschaft mit Gott. Quelle für all das sei der Heilige Geist, der Geist Jesu, der in der Kirche gegenwärtig ist. Dieser Geist wirke in den Sakramenten der Kirche, er sei gegenwärtig in jeder Feier der Eucharistie.
Am Ende seiner Ansprache drehte Pfarrer Thomas Stolle seine Eingangsfrage um: „Meinen Sie, Gott liebt die Kirche? Diese Frage sei mit einem eindeutigen „Ja“ zu beantworten. An einer Stelle im Epheserbrief komme deutlich zum Ausdruck, „dass Christus die Kirche – also uns – liebt, und zwar nicht, weil wir klug und perfekt wären“. Diese Liebe sei der Reichtum, „unser Pfund“, für das Handeln im Alltag, in den Aufgaben und Beziehungen. Die Eingangsfrage, bei der Feier des 60-jährigen Jubiläums gestellt, lade also dazu ein, dass jeder für sich und in der Gemeinschaft entdeckt, was Kirche in erster Linie bedeute, „die Teilhabe am Liebeskreislauf in Gott selbst“. Und diese Wirklichkeit mache die Kirche liebenswert.
Am Ende des Gottesdienstes verabschiedete sich in bewegten Worten Pfarrer im Ruhestand, Josef Roth, aus gesundheitlichen Gründen von der Kirchengemeinde in Tairnbach. Es habe ihm immer große Freude bereitet, in seiner Lieblingskirche mit den Gläubigen Gottesdienst zu feiern. Er ermunterte die Gemeinde, auch weiterhin zusammenzustehen, um so den Bestand der Kapelle zu sichern. Mit einem kräftigen Beifall bedankten sich die Besucher des Gottesdienstes für den Einsatz des Pensionärs. Mit dem gemeinsam gesungenen „Großer Gott wir loben dich“ klang der Gottesdienst aus.
Im Anschluss an den Gottesdienst traf man sich zu einem kleinen Festakt und einer Begegnung in der Sporthalle der SG Tairnbach. Mit seinen musikalischen Vorträgen unterstrich der evangelische Posaunenchor Tairnbach unter der Leitung von Rüdiger Egenlauf das gute, ökumenische Miteinander der beiden christlichen Konfessionen, was sich auch bei der musikalischen Gestaltung der Weihnachts- und Ostergottesdienste in der Marienkapelle äußert. Einen herzlichen Willkommensgruß entbot Pfarrer Dr. Thomas Stolle den Vertretern aus Politik und Kirche. Für die Seelsorgeeinheit Letzenberg dankte die Pfarrgemeinderätin Erika Link allen Ehrenamtlichen der Pfarrei, die sich für die Kapelle eingesetzt haben, für ihre „großartigen Dienste“. Der Mesnerin Theresia Müller, den „guten Geist der Kapelle“, dankte sie für die „verantwortungsvolle Arbeit“ bei der Vorbereitung und Durchführung der Gottesdienste. Hans Zielbauer wirkte viele Jahre als Hausmeister, war zuständig für die Pflege der Außenanlagen, für Reparaturen und Instandhaltungen in und an der Kapelle. Pfarrer im Ruhestand Josef Roth unterstützte die Pfarrer der Seelsorgeeinheit durch seine Bereitschaft, das Angebot an Gottesdiensten zu erweitern, wovon vor allem Tairnbach profitierte.
Zu den Gratulanten zählte auch der Vorsitzende des Kirchengemeinderats der evangelischen Kirchengemeinde Mühlhausen-Tairnbach, Hartmut Lass, der im Auftrag von Pfarrer Klemens Dittberner die gute Zusammenarbeit zwischen den Kirchengemeinden würdigte. Mit dem Bau der Kapelle sei der „Grundstein für die Tairnbacher Ökumene“ gelegt worden. Lass erinnerte auch daran, dass bei der Innenrenovierung der evangelischen Kirche die Kapelle als Gottesdienstraum gedient habe. Der katholischen Kirchengemeinde wünschte er eine gute Zukunft „bei immer knapper werdenden Ressourcen“. In seinem Grußwort erinnerte Bürgermeister Jens Spanberger an die Baugeschichte der Kapelle, die eng mit dem Schicksal der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge verbunden sei. Damals wie heute habe man sich offen für Neuerungen und für die Neubürger gezeigt und eine „gute Willkommenskultur“ entwickelt. Spanberger rief dazu auf, trotz des gesellschaftlichen Wandels die christlichen Werte zu bewahren.
Als „innere Verpflichtung“ sah der Landtagsabgeordnete Karl Klein den Besuch des Gottesdienstes und des Festakts. In diesem Zusammenhang würdigte er die „vorbildliche Ökumene“ in der Gemeinde. Mit dem Bau der Kapelle hätten viele Familien in der neuen Heimat ein „geistliches Zuhause“ gefunden. Dieses Jubiläum bedeute aber mehr als nur „60 Jahre Marienkapelle“. Das Gotteshaus sei ein „Symbol für Weltoffenheit, Toleranz und gutes ökumenisches Miteinander“. „Gottes Geleit und einen langen Atem“ wünschte Ortsvorsteher Rüdiger Egenlauf zum Fest. In all den Jahren sei die Kapelle eine „Heimstatt für Freud und Leid, Jubel und Tränen“ gewesen. In Bild und Text dokumentierte eine Ausstellung die 60-jährige Geschichte der Marienkapelle in Tairnbach.



