Die Geschichte der Kirche
Pfarrkirche St. Nikolaus Rettigheim
Text: Rainer Werner; Foto: Christoph Glania
Auf dem Areal, auf dem heute die Pfarrkirche St. Nikolaus steht, stand bereits im Spätmittelalter eine kleine Kapelle (Ersterwähnung 1594). In dieser Zeit hatte das Kloster Wigoldesberg (bei Odenheim) die Grundherrschaft über Rettigheim und der Ort war kirchlich der Mutterpfarrei Malsch zugeordnet. Im Zentrum der Kapelle stand ein Altar, von dem die spätgotische Marien- und St. Nikolausfigur im Chorraum erhalten sind. Über dem Eingang der alten Kapelle war das Wappen (roter Sandstein) des Speyerer Fürstbischofs Eberhard von Dienheim angebracht, das aus dem Jahr 1598 stammt. Es ist heute über dem Turmeingang der Pfarrkirche zu sehen. Das Aussehen der alten Kapelle ist uns auf einer alten Zeichnung von 1823 überliefert. Die Urkunde über die Altarweihe von 1956 nennt den Apostel Jakobus d. Ä. als zweiten Kirchenpatron. Nach mündlicher Überlieferung soll dieser Apostel erster Patron der Kapelle und eine St. Jakobusstatue vorhanden gewesen sein. Im Jahre 2009 wurden die spätgotischen Figuren im Chorraum durch eine neue St. Jakobusfigur ergänzt.
Schon im 17. Jahrhundert wollte sich die Rettigheimer Bevölkerung von der Mutterpfarrei Malsch lösen, was ihr aber wiederholt nicht gelang. Die Bevölkerung war bis zum Jahr 1800 auf 370 angewachsen. Die alte Kapelle war zu klein geworden. Daher bemühte man sich ab 1821 um einen Kirchenneubau. Nachdem die Genehmigung zum Neubau vorlag, wurde zuerst die alte Kapelle abgetragen und in den Jahren 1823/24 konnte eine neue geräumige Kirche nach den Plänen des Weinbrennerschülers Johann Anton Thierry erbaut werden. Sie entstand im damals vorherrschenden Klassizismus und war dem Stil der Zeit als Saalkirche mit Frontturm sehr schlicht und einfach gehalten. Im Jahre 1846 konnte ein Barockaltar aus der ehemaligen Seitenkapelle der Klosterkirche der Augustiner in Wiesloch erworben werden. Er ist heute nicht mehr erhalten.
Erst nach 1870, als Rettigheim nun selbstständige Pfarrei wurde, konnten erste umfangreiche Veränderungen vorgenommen werden.
Ab 1875 wurde die Kirche durch einen Chorraum erweitert und in Folge ab 1880 im Innern renoviert. Im Zuge dieser Erneuerungen wurden auch neue Altäre, Heiligenfiguren und neue Kreuzwegstationen angeschafft. Die erste Orgel von 1824, die seinerzeit gebraucht gekauft wurde, konnte 1897 durch ein neues Instrument ersetzt werden. Ab 1904 wurde im Zuge einer beginnenden umfangreichen Aussenrenovation, der ursprüngliche Aussenverputz abgenommen und seit dieser Zeit zeigt sich das historische Langhaus mit seinen gelben Sandsteinwänden. Die Treppenanlage vor dem Turm wurde mit zwei neuen Aufgängen angelegt und die politische Gemeinde kaufte die erste mechanische Turmuhr (1910).
Als 1930 eine zweite Sakristei errichtet wurde, stieß man beim Kellerausbau auf die Fundamente der alten mittelalterlichen Kapelle und auf Sargreste des alten Friedhofs, der ab 1730 unmittelbar um die Kapelle angelegt war. Ab 1936 wurde über eine Erweiterung der Pfarrkirche beraten, die aber nicht über die Planungen hinausging. Zwischen 1940 und 1942 wurde eine Innenrenovation durchgeführt, dabei wurde u. a. ein neues Gestühl angeschafft und die Holzdecke von Kunstmaler Hemberger (Odenheim) neu bemalt.
1915 mussten zwei der drei Kirchenglocken für Rüstungszwecke abgegeben werden. In den Jahren 1921 und 1922 wurden diese Verluste zwar wieder durch neue Glocken behoben, aber 1942 wiederholte sich die Abgabe von zwei Glocken für den selben Zweck wie 1915. 1947 wurde ein neues Gussstahlgeläute gekauft, das aber wegen seines schlechten Klangs bereits 1957 durch ein neues vierstimmiges Bronzegeläut (Schilling, Heidelberg) ersetzt wurde.
Bereits ein Jahr zuvor (1956) wurde mit der Erweiterung der Pfarrkirche begonnen. Ein neues Querhaus mit Chorraum sollte die Raumnot lindern, da sich seit 1945 durch den Zuzug vieler Heimatvertriebener die Katholikenzahl auf fast 1.200 gesteigert hatte. Im Jahre 1966 wurde die Chorraumwand durch den Künstler Eugen Bräg (Eberbach) neu gestaltet. Er schuf mit italienischem Glasmosaik die Szene der Brotbrechung in Emmaus (Jesus mit den zwei Jüngern).
Im Zuge der Erneuerungen des zweiten Vatikanischen Konzils wurde 1971 der Hochaltar von 1956 in die Mitte des Chorraumes versetzt.
Bei der letzten großen Kirchenrenovation (1992 bis 1994) wurde u. a. der Altar und der Ambo neu gestaltet (Frido Lehr, Karlsruhe), sämtliche Heiligenfiguren neu gefasst und aufgestellt, die Langhausfenster auf ihre ursprüngliche Länge von 1823 zurückgeführt, statische Fundamentsicherungen vorgenommen und die Innen- und Aussenwände neu hergerichtet.
Am 5. Dezember 2010 wurde die neue Pfeifenorgel der Rettigheimer Orgelbauwerkstätte Karl Göckel von Generalvikar Dr. Fridolin Keck geweiht und ihrer Bestimmung übergeben. Das achteckige Instrument steht auf der rechten Seite des Querhauses.


